Mittwoch, November 17, 2010

die Menschen sind alle schlecht

Dienstag Abend, ein ganz normaler Abend, mein Feierabend. Joggend erwische ich noch den 17.56 Uhr Metronom im Hauptbahnhof. Erfahrungsgemäß ist der Zug proppevoll, wie immer um diese Zeit, aber das kann mich glücklicherweise nicht schrecken, denn ich weiß ja wie ich an einen Platz komme. Und richtig, in einem der Wagen hat sich ein Ehepaar um die 60 Jahre zu zweit mit all seinen Taschen und Jacken auf einer Vierersitz breit gemacht; bisher waren anscheinend alle zu höflich sie anzusprechen. Ich wittere meine Chance!
Höflich lächelnd und als rundum nette und adrette Erscheinung, schließlich bin ich Bibliothekarin und komme gerade von der Arbeit, gehe ich auf die beiden zu und frage, ob sie mir einen der beiden Plätze freimachen könnten. Und bekomme von der Dame einen waidwunden Blick und ein "sind denn dahinten nicht auch noch irgendwo Plätze", begleitet von einer herablassenden wegwinkenden Handbewegung. Ihr Mann hält seinen Blick eisern aufs Sudoku gerichtet. Wie......ausgesprochen......nett! Mein Lächeln verkrampft sich ein wenig und ich bitte noch einmal etwas nachdringlicher darum einen der Plätze frei zu machen.
Mit einem Seufzer der Ergebenheit gibt sie sich geschlagen und nimmt eine Plastiktüte mit zwei Brettspielen auf den Sitz neben sich, während plötzlich Leben in den Mann kommt und er ihre Jacken in der Gepäckablage verstaut. Geht doch! Mit zusammengebissenen Zähnen bedanke ich mich artig und fange an unter dem missmutigen Blick den Dame mein Buch zu lesen. Und auch wenn ich des Gedankenlesens nicht mächtig bin, bin ich mir sehr sicher, dass sie im Geiste sehr lange und sehr anhaltend über die unverschämte Jugend von heute schimpft.
Eine Minute später bekommt ihre innerliches Geschimpfe auch gleich neue Nahrung, als nämlich der nächste Fahrgast ebenfalls sehr höflich bittet, sie möge die Spieletüte vom letzten freien Sitzplatz nehmen, damit er sich setzen kann.
Da ich nun sehe, dass ihr Urvertrauen in das Gute in den jungen Leuten von heute endgültig schwindet, versuche ich höflich zu sein und schlage ihr vor, sie könne die Tüte in die Gepäckablage zwischen den Sitzen neben mir zu stellen (in ihrer Sichtweite), damit sie sie nicht die ganze Zeit auf dem Schoß behalten muss. Panisch umklammert sie darafhin Tüte etwas fester."Nein, das mach ich nicht, dann verschwindet die doch sofort!" Höflich (man kann ich lange höflich sein) erkläre ich ihr, dass ich schon viele Male dort etwas abgestellt habe und dass noch nie etwas weggekommen ist. Dass vermutlich nicht mal jemand ihre Spiele haben wollen würde, wenn sie sie in den Gang stellte, sage ich natürlich nicht. Ich schlage also noch höflicher vor, dass ja sonst auch ihr Mann die Spiele neben seinem Sitz (etwas näher dran) verstauen könnte. Aber sie umklammert die Tüte nur noch etwas fester und panischer und sagt, dass sie auch dort bestimmt geklaut werden würden. Und dann beugt sie sich vor und zischt mir ins Gesicht "Die Menschen sind alle schlecht".
Den Rest der Fahrt presst sie dann ihre Spieletüte demonstrativ an sich und bedenkt mich mit Blicken, bei denen mir endgültig klar wird, dass ich zu den ganz schlechten Menschen dieser Welt gehören muss, da ich anscheinend nicht nur eine impertinente Sitzplatzergaunerin bin, sondern auch zu den miesen, fiesen Nepper-Schlepper-Bauernfängern gehöre, die in deutschen Pendlerzügen ältere Ehepaare um ihre hart erworbenen Brettspiele erleichtern will.
Jetzt doch ein wenig verschüchtert, drücke ich mich den Rest der Fahrt in meinen Sitz und lese, immer darauf wartend, dass mir irgendwann eine Spieletüte um die Ohren gehauen wird. Als ich dann in Lüneburg aufstehe, wirft sie mir noch einen letzten abfälligen Blick zu und stellt die Tüte dann demonstrativ-triumphierend wieder auf meinen Sitzplatz. Ihr Mann hat sein Sudoku endlich gelöst und sieht mir ein wenig überrascht hinterher.
Und ich? Ich verlasse den Zug und denke mir, dass nicht alle Menschen wirklich schlecht sind.....aber sehr viele verdammt seltsam.

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