Sonntag, November 28, 2010

in Begleitung

Es ist wieder Abend geworden. Müde trotte ich, wie viele andere auch, in den Zug und lasse mich auf meinen Sitz fallen. Er sitzt neben mir und telefoniert, geschäftlich, oder zumindest klingt es so. Von Zeit zu Zeit wirft er mir einen entschuldigenden Blick zu und zuckt mit den Schultern, wie um mir zu signalisieren, dass es leider gerade nicht anders geht, er aber gleich fertig ist. Ich lächle ihm beruhigend zu, denn von mir aus kann er so lange telefonieren wie er möchte, und krame schon mal mein Buch aus dem Rucksack.
Endlich legt er auf, lehnt sich seufzend in seinem Sitz zurück und erzählt, dass er einen anstrengenden Tag hinter sich hat. Dann sieht er mich an, und sagt:" Ich bin furchbar müde, ist es ok, wenn ich ein wenig schlafe?" Ich bin zuerst ein wenig verdattert, dass er mich überhaupt fragt, sage ihm aber nach einer kurzen Pause, dass es völlig in ordnung ist; ich habe ja mein Buch. Und im gleichen Moment komme ich mir etwas unhöflich vor, dass ich gleich nach dem Hinsetzen einfach so meinen Roman herausgekramt habe um zu Lesen und gar nicht dran gedacht habe, dass man eine Zufahrt ja auch mit netter Konversation verbringen können. Er scheint es aber nicht so schlimm zu finden, lehnt sich erschöpft zurück und schließt die Augen.
Ich hingegen sinniere noch ein wenig über meinen höflichen Begleiter......der mich doch gar nicht kennt (ich ihn übrigens auch nicht) und trotzdem Rücksicht auf mich nimmt. Ein wunderbarer Kontrast zu diesen Leuten.

1 Kommentar:

BrittavdB hat gesagt…

Sehr, sehr nettes Fragment aus dem Alltag. Solche Leute sind es, die einen Ausgleich für all die Horden von Unhöflichkeitszombies darstellen - sozusagen meine persönlichen Hoffnungsträger der Wahnsinnswelt :-)