Sonntag, Juni 05, 2011

Artgerechte Haltung

Vor einiger Zeit, die Sonne schien und es war warm, da wurde mir eingeredet, ich solle doch mal meine Zimmerpalme nach draussen stellen. Schließlich wäre das Wetter schön und da müsse sich die Palme im Freien doch viel wohler fühlen: in ihrer ursprünglichen Heimat wäre es ja die ganze Zeit über sonnig. Mein zaghafter Einwand, die ursprüngliche Heimat dieser speziellen Pflanze sei eine Hamburger ALDI-Filiale, wo eher Neonlicht und Nieselregen an der Tagesordnung sind, wurde rigoros weggewischt und die Palme hinaus auf die Terrasse befördert. Und da stand sie dann.
Als ich am nächsten Morgen nachschaute was die Palme so macht, musste ich feststellen, dass sie bedröbbelt sämtliche Blätter hängen ließ und damit frappierend an einen Teenager der Generation Playstation erinnerte, den man zum Spielen rausgeschickt hat und der nun nichts mit sich und der Welt um ihn herum anzufangen weiss. Nicht gut! Also bekam sie einen Schwupps Wasser und ein paar aufmunternde Worte und wurde dann wieder mit sich und der Sonne alleingelassen.
Am Abend begannen die ersten Blätter weiß zu werden und ich begann das Konzept der artgerechten Palmenhaltung ein weiteres Mal anzuzweifeln. Doch mir wurde gesagt, das sei nur eine Phase und ich solle durchhalten; das Bäumchen müsse sich halt an seine neue Freiheit gewöhnen und ich würde schon bald mit einer wunderbar wuchernden Zimmerpflanze belohnt werden.
Doch Pustekuchen!
Je länger die Sonne schien, desto mehr Blätter wurden weiß, so dass die Palme am Ende so aussah, als wäre sie einem Zombie-Endzeit-Szenario entsprungen. Ein Eindruck, der sich noch dadurch verschärfte, dass bei Wind die gespenstisch weißen Blätter zaghaft an der Terrassentür kratzten, wie um sich einen Wag zu den Lebenden zu bahnen.
Da ich mir das Elend nicht mehr länger ansehen mochte, habe ich die Palme am Ende dann doch wieder reingeholt und siehe da, in ihrer kleinen halbschattigen Wohnzimmerecke geht es ihr wieder richtig gut. Sie hat auch die weißen Blätter verloren und sieht nun etwas gerupft aber viel weniger gruselig aus.
Noch einmal werde ich das Experiment wohl nicht wagen. Und wenn doch, dann werde ich ganz brav 15 °C und Nieselregen abwarten – der echten artgerechten Haltung wegen.